Ein Personenunfall aus Sicht des Lokführers

Patrick Raach ist seit 24 Jahren Lokführer bei den CFL. 2023 erfasst sein Zug einen Menschen am Bahnübergang in Lintgen. Der erfahrene Lokführer schildert den Augenblick des Unfalls und was anschließend passierte, er erläutert, wie es danach für ihn weiterging und mahnt eindringlich das korrekte Verhalten an Bahnübergängen und entlang der Gleise an.

Patrick Raach, wann und wo ereignete sich der Unfall?
Das war am 6. Januar 2023, abends gegen 22.30 beim Bahnübergang in Lintgen. Ich war mit dem Schnellzug auf der Linie 10 nach Ettelbrück unterwegs. In Lintgen, wo sich die Haltestelle direkt beim Bahnübergang befindet, war kein Stopp vorgesehen.

Wie nahmen Sie wahr, dass sich ein Mensch auf den Gleisen aufhält?
Aus etwa 300 Metern Distanz nahm ich eine Person wahr, die über die Gleise ging. Ich machte mich mit Hupsignalen bemerkbar und leitete gleichzeitig eine Notbremsung ein, da ich Schlimmeres verhindern wollte. Leider kam jedoch keinerlei Reaktion von der Person, so dass sie vom Zug erfasst wurde.

„Alles lief ab wie in einem Film.“

Was waren in dem Augenblick Ihre ersten Gedanken und Reaktionen?
Alles lief ab wie in einem Film: Ich funktionierte und leitete die vorgeschriebenen Prozeduren ein, schaltete die Warnlichter an, um entgegenkommende Züge zu warnen, gab via Funk die Meldung „Alarm-Alarm-Alarm“, um die Züge zum Stehen zu bringen ab und kontaktierte das Stellwerk.

Zufällig befand sich ein Arbeitskollege als Passagier im Zug…
…der dann zu mir in die Kabine kam, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und anschließend die Unfallstelle inspizierte. Das Warten auf seine Rückmeldung kam mir enorm lange vor, während sich das Kopfkino in Bewegung setzte und das eben Geschehene vor meinen Augen ablief.

Dann verließen Sie Ihren Arbeitsplatz…
…genau. Da war die Polizei schon vor Ort und unser Bereitschaftsdienst, der mich in seine Obhut nahm. Ich musste ein paar Fragen beantworten und den obligatorischen Alkoholtest machen, dann wurde ich nach Hause gefahren.

Das Opfer selbst sahen Sie nicht?
Nein, ich hatte nur seinen Schatten auf den Gleisen wahrgenommen.

Wie ging es für Sie in den Tagen danach weiter? Nahmen Sie medizinische Betreuung in Anspruch?
Ich suchte meine Hausärztin auf. Aufgrund des Erlebten war ich mental und körperlich so mitgenommen, dass sie mich krankschrieb. Nach diesen zwei Wochen war es dann am Arbeitsarzt, meine Arbeitsfähigkeit zu bescheinigen. Aufgrund hoher Blutdruckwerte war dies noch nicht der Fall und die Hausärztin verlängerte die Krankschreibung. Parallel dazu nahm ich die Betreuung unserer CFL-Psychologin in Anspruch, um das Geschehene mit ihr zu erörtern.

Sie waren krankgeschrieben, durften nicht arbeiten: Inwieweit war der Unfall in den Wochen des Krankenstandes in Ihrem Alltag präsent?
In den ersten Tagen gingen mir nachts schon die Bilder vom 6. Januar durch den Kopf. Und als Lokführer beschäftigte mich der Gedanke, ob ich richtig und den Bestimmungen entsprechend gehandelt hatte. Da halfen mir die Gespräche mit meinem Coach, der mir bestätigte, dass ich alles richtig gemacht hatte. Ansonsten habe ich den Rat der Hausärztin und der Psychologin befolgt und war viel unter Menschen und in der Natur, um auf andere Gedanken zu kommen – was mir auch wirklich half.

„Ein Erwachsener sollte sich eigentlich bewusst sein, dass er sich in Lebensgefahr begibt, wenn er sich auf den Schienen aufhält.“

Bespricht man derart dramatische Erfahrungen unter Berufskollegen oder bleibt es ein Tabuthema?
Es ist ein Tabuthema, weil es eben ein so schwieriges Thema ist. Man weiß halt nie, wie man jemanden darauf ansprechen soll und ob der- oder diejenige, dem ein derartiges Drama widerfahren ist, darüber reden will. Am ehesten kommt ein Gespräch zustande, wenn ein(e) Betroffene(r) selbst die Initiative ergreift. Aus eigener Erfahrung weiß ich allemal, wie wichtig es ist, das Vorgefallene anzusprechen, anstatt alles in sich hineinzufressen.

Hat Sie das Schicksal des Opfers beschäftigt?
Ich erfuhr etwas später bei der Arbeit mehr über die Person, ihren Beruf, dass sie Angehörige zurückließ und wo sie lebte. Selbst wusste ich bis dahin nur, dass es sich um eine erwachsene Person handelte und mehr wollte ich nicht erfahren. Wohl auch, um mir keine zusätzlichen Gedanken oder gar Vorwürfe machen zu müssen. Ein Erwachsener sollte sich eigentlich bewusst sein, dass er sich in Lebensgefahr begibt, wenn er sich auf den Schienen aufhält. Ein Zug kann niemals ausweichen und so ein Lokführer niemals die Schuld für einen Zusammenstoß tragen.

Was war es für ein Gefühl, als Sie wieder als Lokführer arbeiten durften?
Die erste Fahrt war komisch. Ich fuhr mit meinem Coach zusammen und wir befuhren mit einem Schnellzug die Unfallstrecke, um zu erfahren, wie ich in dem Augenblick, wo wir Lintgen passieren, reagiere. Während der Fahrt lief dann auch bei mir der Film der Trasse hin zum Ort des Geschehens ab und ich verspürte ein paar mulmige Momente. In den Tagen danach kamen diese Gedanken ab und an hoch, doch mittlerweile, dreieinhalb Jahre später, bin ich mir bei Fahrten auf der Nordstrecke zwar bewusst, dass dort etwas geschah, ohne dass es in meinem Kopf allerdings etwas auslöst, was verhindern würde, meine Arbeit korrekt zu verrichten.

Und wie nehmen Sie Menschen wahr, die sich zu nahe an den Gleisen aufhalten? Hat man da nicht Angst, es könnte wieder geschehen?
Eine gewisse Reaktion löst es schon aus; das sollte es auch, da wir stets wachsam sein müssen. Ich persönlich befolge in derartigen Situationen die Prozeduren mit den vorgeschriebenen Warnsignalen, die wir geben können. Diese Erlebnisse regen mich vor allem auf, weil die Leute scheinbar kein Bewusstsein für die Gefahr haben, in der sie sich zu nahe an oder auf den Gleisen befinden – trotz ständiger Sensibilisierung und Aufklärung. Ich versuche es mir dann damit zu erklären, dass sie meinen, der Bremsweg eines Zuges wäre identisch mit dem eines Autos. Dabei benötigen wir bis zu 1.200 Meter, bis ein Zug unter Vollbremsung zum Stehen kommt. 

„Die Leidenschaft für den Beruf überwiegt die Sorge, dass es sich wiederholt.“

Welche Botschaft geben Sie diesen Menschen mit auf den Weg?
Beachten Sie immer und überall die Straßenverkehrsordnung. Wer sie ignoriert und sich darüber hinwegsetzt, begibt nicht nur sich selbst in große Gefahr. Kommt es nämlich zu einem Zusammenstoß, werden auch Dritte in Mitleidenschaft gezogen, ob Familienangehörige oder unser Zugpersonal, das nach einem derart tragischen Erlebnis unter Umständen seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.

Gab es in den vergangenen dreieinhalb Jahren auch den Moment, wo Sie sich sagten „Ich will nicht mehr Lokomotive fahren“?
Nein. Diesen Moment hat es seitdem nie gegeben. Ich bin leidenschaftlicher Lokführer und übe meinen Beruf gerne aus. Das hat mir ganz gewiss geholfen, über die Tragödie des 6. Januar 2023 hinwegzukommen. Die Leidenschaft für den Beruf überwiegt die Sorge, dass es sich wiederholt.

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